75 Jahre LV Bayern
Verstörend in gleich zweifacher Hinsicht kam der Festakt zum 75-jährigen Bestehen des Landesverbands Bayern im Deutschen Bühnenverein daher: Als kühn bezeichnete Kunstminister Markus Blume die Einladung in die Nürnberger Kongresshalle, wo gleichzeitig bei Kaiserwetter in München der Oktoberfestumzug im Gange sei. Zudem an diesem verstörenden Ort, erdacht und gebaut für die ungeheuerlichen Inszenierungsfantasien der Nazis. Eine Feierstunde für die Freiheit der Kunst, betonte Blume, und eine Feierstunde für die Freiheit des Publikums, das heute nicht wie damals gleichgeschaltet, sondern frei sei sich zu verhalten und zu widersprechen.
2028 wird die neue Spielstätte für das Nürnberger Staatstheater eröffnet und der Landesverband nutzte die Jubiläumseinladung, den Gästen diesen Ort der Erinnerungskultur und den Neubau im Innenhof vorzustellen. „Dieser Ort inszeniert immer mit“, erklärte Julia Lehner, Vorsitzende des Bayerischen Landesverbands. Sie erinnerte an die Jahre, die der Bühnenverein in Bayern neben den institutionellen Bühnen immer auch die freie Szene im Blick gehabt habe. „Liebe Theaterfamilie, lasst dieses Band niemals an Spannung verlieren.“
Für ein radikales Beieinandersein hat sich Bühnenvereinspräsident Carsten Brosda in seiner Festrede ausgesprochen. In einer radikal analogen Welt des Theaters, in der sogar der Herzschlag der Zuschauer sich aufeinander einstelle. Brosda wendete sich gegen jede Funktionalisierung von Kunst. „Wenn sie dazu da sein soll, um etwas zu erreichen, ist das ein Schritt in die falsche Richtung“, mahnte er mit Blick auf die immer stärker unter Druck geratene Kunstfreiheit. Anknüpfend an Adorno führte er aus, dass Kunst Chaos in die Ordnung zu bringen habe. Sie schaffe Raum zu erfahren, zu welcher Empathie und Imagination wir fähig seien. Den Gästen führte er mit Blick auf die deutsche Theatergeschichte vor Augen, dass die Politik nicht nachlassen dürfe in der Verantwortungsübernahme für Kunst und Kultur. Und sich dabei gleichzeitig zu beschränken habe, sie für eigene Ziele in den Dienst nehmen zu wollen.
Über die Bühne als stolzen und eigensinnigen Ort gegen das Einfache, das Bösartige und Verkürzte in der von Algorithmen bestimmten digitalen Welt diskutierten zum Abschluss der Autor Albert Ostermaier und die Schauspielerin Sibylle Canonica mit FAZ-Feuilletonist Simon Strauß.
Für das künstlerische Rahmenprogramm sorgten die "Dreigroschenmusik" vom Theater Mummpitz aus Nürnberg und Studierende der Bayerischen Theaterakademie August Everding. Und am Ende gab es Lebkuchen für alle.